Tischa Be´aw

 

 

Tischa Beaw, der neunte Tag vom jüdischen Monat Aw, ist ein Fast- und Trauertag, an dem wir der Zerstörung der beiden Tempel gedenken.

Der 9.Aw galt seit  der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Errichtung des zweiten Tempels als Trauertag. Obwohl der zweite Tempel aber erst am 10. Aw vollständig niederbrannte, wurde der 9. Aw auch weiterhin als Trauertag, nun für die beiden Ereignisse, beibehalten.

 Wären wir in die Lage zwei Tage hintereinander zu fasten, so hätten wir sowohl am 9. als

 auch am 10. Aw fasten müssen. Da aber dies fast unmöglich sei, haben die Rabbiner nur an einem Tag das Fasten angeordnet.

 

Schon seit biblischer Zeit ist der 9. Aw ein Tag, an dem traurige Dinge geschehen sind. Es war der 9. Aw, als die nach Kanaan entsandten Kundschafter zurückkehrten und dem Volk Israel furchtbare Dinge aus jenem Land, das ihnen zur Heimat gegeben worden war, berichteten.

Am neunten Tage des Monats Aw im Jahre 586 vor der Zeitrechnung hatte Nebukadnezar aus Babylonien, Salomons Tempel zerstört. Und am neunten Aw im Jahre 70 nach der Zeitrechnung zerstörte Titus aus Rom den zweiten Tempel. Es ist deshalb kein Wunder, dass Tischa Be´aw für die Juden der ganzen Welt ein Tag der Trauer ist.

 

Am 9.Aw des Jahres 135, 65 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems, fiel die Festung Bethar, in die Simon bar Kochba sich zurückgezogen hatte. Auch er wurde an diesem Tage getötet.

Die Massaker der Kreuzritter im Jahre 1099 an der Bevölkerung Jerusalems fanden am 9. Aw statt.

Und, es war der 9. Aw des Jahres 1492, als die Juden Spanien verlassen mussten.

 

Die Trauer um die Zerstörung Jerusalems gipfelt im 9. Aw, an dem der Tempel verbrannt wurde.

Dieser Trauertag gleicht dem Versöhnungstage, auch an ihm werden volle 24 Stunden gefastet.

 

Sowohl am Abend als auch am Morgen ist es nicht erlaubt, einander zu grüßen.

Als  Zeichen der Trauer entfernt man in den Synagogen den Vorhang vor der heiligen Lade.

Beim Morgengebet wird kein Tallit und Tfillin gelegt, denn sie gelten als Schmuck. Torastudium ist nicht erlaubt, da es Freude bringt.

Ebenso ist  Geschlechtverkehr  nicht erlaubt. Verboten sind auch Schuhe aus Leder zu tragen. Man darf weder baden noch Kosmetika  benutzen.

 

Tischa Be´aw gleicht der siebentägigen Trauer um einen Familienangehörigen: Man sitzt nicht auf Sesseln, sondern auf niedrigen Schemeln, der Erde nah. Man zündet ferner kein überflüssiges Licht an, vielmehr verbringt man den Abend im traurigen Halbdunkel.

 

Das Trauern am Tischa Be´aw  gibt uns Gelegenheit, all den Opfern zu gedenken, die unser Volk im Laufe seiner Geschichte bis zum heutigen Tage zu beklagen hatte. Der Fasttag soll in unserem Bewusstsein den großen Verlust, welcher uns durch die Zerstörung des heiligen Tempels entstanden ist, wach halten.

 

Jerusalem wurde völlig zerstört, ohne einen Rest zu hinterlassen, um jede Erinnerung an die jüdische Souveränität im Land Israel auszulöschen. Somit war  die Prophezeiung erfüllt:

 Zion wird umgepflügt zu Ackerland.“(Jeremia 26,18)   Und der Name Jerusalem wurde  in

Aelia Capitolina umgeändert.

Der Talmud (Traktat Joma 9b) fragt: Warum wurde der erste Tempel zerstört? Die Antwort lautet: Wegen dreier Dinge: Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen. Der zweite Tempel aber, während dessen Dauer man sich mit Thora, Mitzwot und Wohltätigkeit befasste, warum wurde er zerstört? Wegen Sin-at chinam- Grundloser Hass, das ist zerstörender Hass ohne Anlass.

Das lehrt uns, dass grundloser Hass ebenso schwer wiegt, wie die drei anderen Sünden: Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen. Und nur durch selbstlose Liebe kann ein Wiederaufbau erfolgen.

 

 

Am Abend des Tischa Beaw wird, das Abendgebet verrichtet. Danach liest man die „Megillat Ejcha“ aus einem gedruckten Buch ohne Beracha, (anders als am Purim). In manche Gemeinden, in denen der Ritus des Gaon von Wilna befolgt wird, liest man die Megillat Ejcha aus einer koscheren Rolle aus schwarzem Pergament mit weißen Buchstaben mit Beracha.

Der Lewusch, R. Mordechai ben Awraham, 1535-1612- erklärt, warum viele die Megillat Ejcha nicht auf Pergament schreiben wollten: Die Sofrim – die Schreiber wollten diese Megilla, nicht wie die anderen Rollen auf Pergament schreiben, weil sie damit ihrer Hoffnung und ihrem Sehnen Ausdruck geben wollten, der neunte Aw möge sich bald in einen Tag der Freude verwandeln. Darum musste man notgedrungen die Megillat Ejcha aus gedruckten Büchern vorlesen.

 

Man liest Ejcha in seiner traurigen Melodie wie zahlreiche Generationen vor uns. Was unterscheidet uns heute von unseren Vätern? Früher erinnerte Tischa Be´aw an die Zerstörung Jerusalems und somit an der Churban Habajit- Zerstörung des Tempels.

Seit Israel im Jahre 1948 befreit, Jerusalem seit 1967 wieder vereint und im jüdischen Besitz ist, sind wir die Befreiuungsgeneration, die einen Schritt weiter denken darf. Wir hoffen an die baldige Rückkehr des E-wigen nach Zion, und an den Bau des heiligen Tempels als Gebetshaus für uns und aller Nationen.

 

Vor zwei Jahren waren wir als Mitglieder der Rabbinerkonferenz OGA Gäste der jüdischen Gemeinde Rom.

Der Höhepunkt und einer der bewegendsten Momente war der Besuch am Titusbogen.

 

Dieser prachtvolle Bau, der für die Römer einerseits den glorreichen  Sieg über die Juden und die Zerstörung Jerusalems symbolisiert jedoch andererseits für uns Betrachter eine bittere Erinnerung an Zerstörung, an Verschleppung und den schmerzhaften Beginn des Exils mit allen seinen Verfolgungen und Pogromen.

Nicht zu vergessen die Verleumdungen und die nicht enden wollenden schrecklichen Morde bis hin zur Schoa und den heutigen Terroraktionen in Israel, nur wegen unseres Verbrechens, Jude zu sein.

 

 

Zu unserer großen Rabbinerdelegation und zahlreichen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Rom, gesellten sich weitere Touristengruppen aus Israel.

 

Inmitten der sehr bewegten und ergriffenen Menschenmenge stieg der ehemalige Oberrabbiner Israels, Rabbi Israel Meir Lau, auf den Sockel des Titusbogen und sprach:

 

Als unsere gestrigen Peiniger, die Römer, diesen Titus Bogen errichteten, hätten sie niemals gedacht, dass so ein Tag wie heute stattfinden könnte.

Dass heute, so eine große Versammlung von ehrwürdigen Juden, angeführt vom Oberrepräsentant der Jüdischen Religion der ganzen  Welt,  ohne Furcht, hier als freie Menschen beten können, hier an diesem Ort wo kein Juden sein dürften, ist ein Zeichen unserer Erlösung.

Wir waren voller Stolz und Glück, denn wir spürten wir wahr seine Worte waren. Zum ersten Mal in meinem Leben erschien mir Tischa Beaw nicht mehr so traurig zu sein, in diesen Moment war Tischa Beaw nicht mehr so düster. Denn wie der Talmud sagt: Der Tag an dem der Tempel zerstört wurde, ist der Messias geboren. Da mussten wir zwangsweise an die Letzten Vers des Ejcha:

Kehre uns, H-rr, dir zu, dann können wir uns zu dir bekehren. Erneuere unsere Tage, damit sie werden wie früher(5,21)

 

 

Benjamin David Soussan, Landesrabbiner

 

 

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